Die Sprache als primäre Kulturtechnik des Menschen umfasst unterschiedlichste Sprachspiele wie wissenschaftliche Facharbeiten, Vorträge, Konferenzdesigns, Werbetexte, Public Relations, Zeitungsartikel, et cetera. All diese spezifischen Sprachspiele sind unterschiedliche Formate der Konversation und des Geschichtenerzählens. Wenn ein spezifisches Sprachspiel nachhaltig sein will, das heißt erinnert werden soll, muss es wieder in Konversation oder Geschichtenerzählen münden. Das Sprachspiel muss in einem Netzwerk von Konversationen besprochen oder in diesem als Geschichte erzählt werden, um nachhaltig zu wirken.

Im Kontext einer kybernetischen Perspektive, die nach einem Verständnis der Regeln von Steuerung und Organisation trachtet, können Geschichten als primäre Modelle der Organisation menschlichen Lebens betrachtet werden. Durch Geschichten können wir die Möglichkeiten menschlicher Interaktionen in der Entwicklung und Erhaltung von Werten imaginieren. Die Geschichte ist dabei nicht ein Abbild einer äußeren Wirklichkeit, sondern drückt aus, wie wir unser Leben aufgrund unserer Lebensform, unserer Art des Lebens, in der wir spezifische Ziele verfolgen und Werte leben, wahrnehmen. Erst durch die Entwicklung und Erhaltung von Werten erkennen wir eine Geschichte als Geschichte und verstehen sie als spezifische Form von Geschichte wie Liebesgeschichte, Erfolgsgeschichte, Tragödie, Komödie et cetera. Eine erfolgreiche Geschichte ist also nicht erfolgreich, indem sie eine äußere Realität abbildet, sondern sie ist dadurch erfolgreich, dass sie die gelebten Werte einer Lebensform durch dramaturgische Komposition von Interaktionen, durch das Plot, durch den Handlungsverlauf der Geschichte, verständlich und erlebbar macht. In dem Maße, in dem wir an einer Geschichte teilhaben, erkennen wir uns in unserem Erleben einer uns bekannten oder auch einer uns unbekannten Welt wieder.

Die Geschichte impliziert dabei immer auch menschliche Konversationen, sei es explizit durch vorhandene Dialoge und Monologe in einer Geschichte oder implizit dadurch, dass das, was in einer Geschichte passiert nur dann als Geschichte erkannt werden kann, wenn das, was sich in der Geschichte ereignet im Kontext einer Konversation wiedergegeben werden kann. In diesem Sinne ist jede Geschichte zugleich eine Form von Konversation mit den HörerInnen, LeserInnen, und BeobachterInnen einer Geschichte.

Die Konversation erfüllt damit zugleich eine zentrale Rolle in der Erzählung einer Geschichte, indem die in der Geschichte dargestellten Werte und Ziele durch die Konversation Teil eines Netzwerks von Konversationen einer Gemeinschaft werden. Die Konversation in ihrer ursprünglichen Bedeutung – sich-miteinander-drehen, miteinander-tanzen – dreht sich also um die in einer Geschichte dargestellten Werte und Ziele. Gleichzeitig verändern sich in der Konversation und durch die Konversation die in der Geschichte dargestellten Werte. Es kommt zu einem wechselseitigen Steuerungsprozess, in dem Wert- und Zielvorstellungen von menschlichen Gemeinschaften entsprechend ihrer aktuellen Bedürfnissen und Wünschen verändert und/oder konserviert werden.

In der Konversation drehen und verwandeln sich unser Ziele und Werte. Konversationen sind aus kybernetischer Perspektive ein metaphorischer Ausdruck unseres “Lebenstanzes”, indem sie unser Verhalten als in Gemeinschaft lebender Organismen korrelieren. Das Verhalten verschiedener Menschen wird in Konversationen als Teil eines Verhaltensmusters einer menschlichen Gemeinschaft verstanden. Durch Konversationen verstehen wir unser nicht-sprachliches Verhalten (koordinierte Bewegungen) als Teil unseres Sprachverhaltens. Wir verstehen unser Tun als Menschen, indem wir unser Tun besprechen.